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Eine Kunstgeschichte: Der Lissone-Preis
vom 10. Juli bis 12. September 1999

Kurator der Ausstellung: Claudio Rizzi
Katalog „Una storia d’arte: il premio Lissone“, herausgegeben vom Civico Museo Parisi-Valle, 1999

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VOM INFORMELL ZUR POP ART, VON ENNIO MORLOTTI BIS VALERIO ADAMI
Einen Sommer lang beherbergt unser Museum die Werke des Lissone-Preises (1946-1967), die den Charakter und die Tendenzen der italienischen und internationalen Kunst der 50er und 60er Jahre aus unmittelbarer Nähe widerspiegeln.
Es handelt sich um 42 großformatige Bilder, die von der Gemeinde Lissone (Brianza) während der Jahre der Preisverleihung erworben wurden. Vor allem handelt es sich um eine kleine, aber umfassende Anthologie der wichtigsten Kunstrichtungen der 50er und 60er Jahre: Informell, Abstraktion, Pop Art, Nouveau Réalisme.

DIE GESCHICHTE DER SAMMLUNG
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet die Künstlergemeinde von Lissone, der Maler und ortsansässige Künstler angehören, eine Debatte zur Lage der Kunst, in die auch lokale Unternehmer und Kritiker von nationalem Ruf mit einbezogen werden. Die strenge Auswahl bei der Bildung der Jury (unter anderem gehören ihr De Grada, Valsecchi, Argan und Marchiori an), gepaart mit Kompetenz und Unparteilichkeit, schafft die richtige Voraussetzung für ein kulturelles Ereignis von Rang, dessen Bedeutung im Laufe der Zeit stetig wächst. Während zu Beginn der Preisverleihung im Jahr 1947 die Teilnahme noch italienischen Malern vorbehalten ist, werden ab 1952 auch Künstler aus zahlreichen europäischen Ländern eingeladen und zusätzlich Arbeiten von bereits etablierten Künstlern außer Konkurrenz gezeigt. Die Gemeinde kommt auf die Idee, die ausgezeichneten Werke zu erwerben, während die Preissumme sich erhöht und weitere Prämien von privaten Verbänden ausgeschrieben werden. Der Preis erlangt derartige Berühmtheit, dass er in Bedeutung und Ansehen schließlich mit der Biennale von Venedig verglichen wird. Seine Geschichte endet erst im Jahr 1967, als sich mit dem Aufkommen der Protestbewegung die gesellschaftlichen Spannungen lockern, und damit auch die ursprünglichen Ziele an Bedeutung verlieren. Eine kritische Chronologie der Ereignisse ist im Katalog veröffentlicht, der von der Gemeinde Maccagno herausgegeben wird und im Museum erhältlich ist.

VON MORLOTTI BIS ADAMI: ZWANZIG JAHRE KUNST UND GESCHICHTE IM SPIEGEL DER SAMMLUNG LISSONE
Das erste Bild, das in die Sammlung aufgenommen wird, ist Immagine (1951) von Ennio Morlotti, das zweite Composizione (1952) von Mauro Reggiani. Gerade in ihrer Verschiedenheit bezeugen sie das künstlerische Klima, das sich im Italien der Nachkriegszeit entwickelt hat: auf der einen Seite das Lager der Abstraktion, auf der anderen Seite der Neokubismus in der Nachfolge Picassos.

Morlotti, noch ganz getreu der Lehre Cézannes, breitet reine Farben mit dem Spachtel aus, um eine Form festzulegen, die auch in ihren Verzerrungen und Brüchen noch deutlich erkennbar, figurativ bleibt. Anders Reggiani, der eine rationale und raffinierte Malerei vorträgt, in der klare Farbflächen nebeneinander gesetzt werden, um Farb- und Raumspiele zu schaffen, die ein Eigenleben entfalten und keinen Bezug mehr zum realen Gegenstand haben.
Die übrigen Werke der 50er Jahre veranschaulichen die verschiedenen Tendenzen, die das Informell in der Poetik und Technik von italienischen und ausländischen Künstlern annimmt. 1953 ist der Gewinner des Lissone-Preises der Deutsche Theodor Werner, ein Kosmopolit in der Tradition eines Braque und van Dongen, der sich in Deutschland für die Abstraktion informeller Prägung einsetzt. Sein Bild mit dem emblematischen Titel Kontraste spielt mit dem Gegensatz von reinen Farben und der Abwesenheit von Farbe, negativen und positiven Zeichen, malerischer Stofflichkeit und Materialgrund.

Morlotti

aa

Reggiani

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Werner

Ennio Morlotti, Immagine, 1951
Premio Lissone 1952

Mauro Reggiani, Composizione, 1952
Premio Lissone 1952

Theodor Werner, Contrasti, 1952
Premio Lissone 1953

Die folgende Ausschreibung des Preises gewinnt der Italiener Birolli mit Ondulazione marina. Birolli ist ein politisch engagierter Künstler und aktiver Vertreter der Gruppe „Corrente“ an der Seite von Guttuso und Cassinari. Zunächst von der expressionistischen Malerei eines van Gogh und Ensor beeinflusst, nähert er sich seit den 50er Jahren der französischen abstrakten Malerei von Bazaine und De Stael. Das hier ausgestellte Bild spiegelt deutlich Birollis Neigung zu einem abstrakten Stil naturalistischer Prägung wider, der sich klar von dem anderer abstrakter Maler wie Reggiani unterscheidet.
Die Arbeiten von Tàpies (Terre sur marron foncé, 1956; Lissone-Preis 1957) und Feito verweisen auf die vom spanischen Informell eingeschlagene Richtung, unter Verwendung von geschichtetem und geronnenen Material, das sich in eine morphologische Struktur einfügt, die nur scheinbar zufällig ist.
Die gequälten Zeichen von Scanavino (in der Sammlung mit Ecce Homo und Frammenti  vertreten) sind in monochrome Farbgründe eingelagert und lassen eine ständige Dichotomie von Chaos und Ordnung, von Vernunft und Traum erahnen. Kunsthistoriker bringen diese Konstante in Verbindung mit Scanavinos Interesse für den Existentialismus eines Bacon, Sutherland und Matta.

Birolli

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Scanavino

Renato Birolli, Ondulazione marina, 1955
Premio Lissone 1955

Emilio Scanavino, Ecce Homo, 1956-57
Premio Lissone 1957

Das Informell nimmt in den Bildern von Perilli, Vedova und Dorazio jeweils eine besondere Ausprägung an. Während das Bild von Perilli (1959) das Interesse jener Jahre an der Beziehung von Schrift und Malerei bezeugt, gemahnt Immagine del Tempo von Vedova in einem sehr persönlichen und lebhaften Stil an die Realität und die Widersprüche der Zeit. Einen anderen Weg schlägt Dorazio ein, der sich für die phänomenalen Gegebenheiten der Farb- und Lichtwerte interessiert, und dies konsequent umsetzt in Arbeiten wie Teodora (1959) und dem späteren Tenax (1964). Ein Abriss des europäischen Informell bliebe unvollständig ohne die internationale Gruppe Kobra, hier vertreten durch eine Komposition von Karel Appel aus dem Jahr 1956, sehr aggressiv im rohen Auftrag von grellen, betäubenden Farben und von einer heftigen Gestik, die sich umsetzt in dicke Materialschichten und gewundene Linien, die auf beunruhigende Weise an menschliche Körper erinnern.

Vedova

aa

Appel

Emilio Vedova, Immagine del tempo 1958-59
Premio Lissone 1959

Karel Appel, Composizione, 1956
Premio Lissone 195

Ebenfalls Expressionist, aber auf seine Weise, ist auch André Marfaing, Schöpfer eines wunderbaren Bildes aus dem Jahr 1960, das vollkommen von der Entsprechung weißer und schwarzer Farbtöne in verschiedenen Abstufungen lebt. Der französische Maler greift zunächst die Anregungen von Tàpies  und anderen Vertretern der „Art autre“ auf und wird sich in den 60er Jahren der Radierung und der kolorierten Tuschezeichnung und dem systematischen Studium der Produktion Goyas widmen.

Marfaing

Andrè Marfaing, V.A. 58, 1960 
Premio Lissone 1959

Das zweite Jahrzehnt in der Geschichte des Preises ist durch eine stilistisch vielfältigere Produktion gekennzeichnet, die in ihrer Gesamtheit gut die Stimmungen und die Sensibilität der europäischen Künstler dokumentiert, die sich wieder für die figurative Malerei, für die surrealistische Thematik des Unbewussten, aber auch für neue Technologien und die Massenmedien interessieren. Die Beziehung zu den amerikanischen Kollegen wird enger (New Dada und Pop Art), doch die europäischen Intellektuellen sind weit entfernt davon, eine populäre und leicht entschlüsselbare Bildsprache zu entwickeln. Vielmehr bekräftigen sie die Autonomie des eigenen Ausdrucks, ja sie bestehen sogar auf der vollkommenen Autonomie des ästhetischen Aktes. Gewiss bezieht sich der Mensch auf eine Wirklichkeit, die er nicht ignorieren kann; sie unterliegt jedoch verschiedenen Deutungen, und man kann sich der Realität mit überaus individuellen und willkürlichen Sichtweisen annähern.
Eben dieses Prinzip wendet Dufrêne in seinen Décollagen an (und mit ihm, wenn auch auf andere Weise, die übrigen Vertreter des Nouveau Réalisme, Tinguely und Klein). Dufrêne verwendet Objekte – in diesem Fall zerfetzte Plakate – und verleiht ihnen einen völlig neue Funktion und Identität, die nichts mit dem ursprünglichen Zweck zu tun hat.
Auf andere Weise greift auch Peter Klasen Themen und Motive der modernen Massenkommunikation auf, um durch einen einfachen Perspektivwechsel ihren Sinn zu verdrehen und sie lächerlich zu machen.
Die Italiener Valerio Adami und Mario Schifano untersuchen das Problem mit feiner Ironie, die den Betrachter in Verlegenheit versetzt. Adami kopiert die Technik des Comics und wählt als Sujet die banalsten und unangenehmsten Aspekte des Alltags: Toiletten, Mietskasernen etc. Die Zweideutigkeit der Formen löst im Betrachter eine gespaltene Wahrnehmung aus: Sie verblüffen, regen zu Fragen an und entziehen sich der Antwort.
Das Bild von Schifano sollte im Licht seines späteren Schaffens analysiert werden, das der Analyse von Werbespots und der Beziehung von Malerei und Massenmedien gewidmet ist. Zuletzt möchten wir die Aufmerksamkeit auf das raffinierte Bild von Sergio Romiti aus Bologna lenken. Hier verbindet sich die traditionelle Schwarz-Weiß-Tonalität – noch ganz im Zeichen von Morandi - hervorragend mit den dynamischen Effekten, die dem Studium der fotografischen Technik entliehen sind.

Dufrene

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Adami

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Romiti

François Dufrêne, L'anglaise, 1961
Premio Lissone 1961

Valerio Adami, Camel, 1967
Premio Lissone 1967

Sergio Romiti, Composizione, 1963
Premio Lissone 1963

 

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